„Krise im Großformat“ Interview mit Prof. Hankel

Euro-Rettung, Zypern-Krise, Bankenblase: Der renommierte Euro-Kritiker Prof. Dr. Wilhelm Hankel im ZUERST!-Gespräch

Herr Prof. Hankel, „optimistische Nachrichten „erreichen uns aus Zypern, sind sich etablierte Politik und Medien einig. Vor allem, dass Zypern den Euro behalten wolle, sei besonders „gut“…

Hankel: Die im Euro-Währungsgefängnis einsitzenden Häftlinge haben nicht verstanden, was ihnen jetzt droht.

 

Sie meinen mit den Häftlingen die Zyprioten…

Hankel: Nicht nur die, sondern alle Europäer, die unter einer ausländischen Währung leiden – dem Euro. Der Euro ist für jedes Euro-Land ja nicht die Landeswährung, sondern eine exterritoriale Währung. Stellen Sie sich vor, Russland führt den Dollar ein oder die USA den Rubel.

 

Das klingt sehr unrealistisch…

Hankel: Man will sich das nicht vorstellen, aber es ist die Realität. Die Währungspolitik in den Euroländern ist entnationalisiert, die eigenen Zentralbanken haben keinen Einfluss darauf. Die Souveränität dieser Staaten ist in großen Teilen an Brüssel oder dessen verlängerten Arm, die Europäische Zentralbank (EZB), abgegeben worden.

 

Herr Prof. Hankel, was ist in Zypern eigentlich in den letzten Monaten genau passiert?

Hankel: In Zypern ist eine Blase geplatzt – die Bankenblase. Ich habe mich darüber gewundert, dass man weder in Brüssel noch bei der EZB zur Kenntnis genommen hat, dass Zypern und andere kleinere Staaten der Euro-Zone total „overbanked“ gewesen sind, wie man heute neudeutsch sagt.

 

Was bedeutet das?

Hankel: Das Bilanzvolumen der zypriotischen Banken machte das Siebenfache der realen Wertschöpfung des Landes aus. Daraus ergab sich, dass die dortigen Banken große Schwierigkeiten hatten, für das viele Geld, das ihnen aus dem Ausland und über die EZB zufloss, reale Deckung zu finden.

 

Zum Beispiel?

Hankel: Vernünftige Investitionsprojekte, Infrastruktur usw. Also haben die Banken „gespielt“ mit dem Geld – spekuliert. Wenn diese Spekulationsobjekte platzen, gerät die Bank in Schwierigkeiten. Und genau das ist auf Zypern passiert.

 

Die Sparer aus Zypern werden besonders wegen ihrer „Disziplin“ in unseren Medien gelobt. Obwohl sie nicht an ihre gesamten Sparguthaben kommen, reagierten sie nicht mit Unruhen – wie befürchtet.

Hankel: Die meisten Zyprioten hatten auch nicht das Geld für ein Flugticket nach Luxemburg, wie die reichen Oligarchen aus Russland und anderen Ländern. Diese konnten jederzeit über die Luxemburger Filialen der zypriotischen Banken ihr Geld abheben, was auch geschehen ist. Außerdem konnten sich die Zyprioten nicht vorstellen, dass die Zustände auf den Straßen in Athen und Madrid, wo junge arbeitslose Menschen protestieren, weil man ihnen die Zukunft geraubt hat, auch ihre Zukunft ist. Die Wirtschaftskrise in Zypern nimmt ja jetzt erst ihren Anfang.

 

„In Luxemburg droht eine zypriotische Krise im Großformat.“

Sind nur die südeuropäischen Staaten für solche Krisen anfällig?

Hankel: Die Zypern-Krise deutet auf eine Gesetzmäßigkeit hin, welche die EU offensichtlich noch verinnerlichen muss. Je kleiner ein Land und je stärker sein Banksektor ist, desto größer wird die Gefahr, dass sich der Fall Zypern wiederholt. Nehmen Sie den „Großstaat“ Luxemburg, der früher einmal ein armes, beschauliches Weinbauernländchen war. Dort macht das Bilanzvolumen der Banken inzwischen das 21 fache der realen Wirtschaftsleistung aus. Luxemburg ist der Prototyp eines Staates, dessen Wertschöpfung überwiegend im Finanzsektor erfolgt. Und wenn der einmal ins Rutschen kommt, wäre der Staat Luxemburg nicht in der Lage, seinen Bankensektor zu retten. Meiner Einschätzung nach besteht in Luxemburg sogar die Gefahr einer zypriotischen Krise im Großformat.

 

Dies würde die Krise aus der EU-Peripherie ins Herz Europas tragen…

Hankel: Richtig. Generell gilt: Je größer und realwirtschaftlich stärker ein EU-Land ist, desto normaler sind auch die Relationen zwischen Finanzsektor und realer Wirtschaft. In Deutschland ist die Gefahr, dass der Finanzsektor die reale Wirtschaft mit in die Tiefe reißt, relativ gering. Hierzulande beträgt der Finanzsektor „nur“ das Dreifache der realen Wirtschaftsschöpfung.

 

Luxemburg gilt als europäisches Musterland…

Hankel: (lacht) Jetzt verstehen Sie auch, warum sich luxemburgische Spitzenpolitiker so selbstlos für die Belange der EU einsetzen. Luxemburg ist als Land gewissermaßen eine gefährdete Groß-Bank. Eine Finanzkrise wäre für das Land eine Katastrophe, denn es wäre nicht in der Lage, diese Krise mit eigenen Mitteln zu bewältigen.

 

Dafür müssten dann wieder die deutschen Steuerzahler ran?

Hankel: Das ist nicht auszuschließen.

 

Wie real ist die Gefahr einer Bankenkrise in Luxemburg heute?

Hankel: Wenn die diversen Bankenkrisen nicht eingedämmt werden können, könnten sie von der Peripherie aus das Zentrum anstecken. Mit dieser Gefahr muss gerechnet werden. Man kann den Finanzsektor weder isolieren noch so ganz einfach „zurückbauen“. Das dauert Jahre.

 

Wollen die Luxemburger Politiker den Finanzsektor überhaupt stutzen?

Hankel: Ich befürchte nein. Nur: Sie reiten auf einem Tiger, von dem sie um keinen Preis herunterfallen dürfen. Er könnte sie dann zerfleischen.

 

„Man wollte immer einen ‚Superstaat EU‘ einführen – nicht nur eine Währung.“

Die „Rettung des Euro“ sei wichtig. Denn nur so seien Frieden und Wohlstand in Europa „garantiert“, behauptet die schwarz-gelbe Bundesregierung ebenso wie die Opposition. Ist das so?

Hankel: Man muss nicht so wörtlich nehmen, was diese Herren verbreiten. Vielleicht sogar selber nicht glauben. Denn es geht ja nicht um eine „Rettung des Euro“, es geht um die Rettung des in Euro investierten Bankkapitals. Wer Euro-Rettung sagt, meint im Grunde Rettung des von den Banken in den Sand gesetzten Kapitals.

 

Inwiefern kontrollieren Banken unsere Politik?

Hankel: Das beantwortet sich aus der Ur-Frage aller Politik: Cui bono? Wem nutzt diese Politik? Die Euro-Politik hatte und hat noch immer zwei große Nutznießer: der eine ist der Exportsektor, dem ein weicher Euro lieber ist als die harte D-Mark von früher, und der andere ist der Finanzsektor, dem das Währungsrisiko – die Gefahr von Währungsverlusten durch Abwertung – schon immer ein Greuel war. Die ist er nun los. Doch Exportsektor und Bank-Interessen sind nicht das Volk! Karl Schiller sagte zu D-Mark-Zeiten: „Jede Aufwertung der D-Mark nützt dem ganzen Volk, ist eine Dividende für alle Deutschen.“ Eine harte Währung verbilligt die Lebenshaltung, die Importe von Bananen bis Benzin werden billiger. Die gesamte Wirtschaft profitiert, weil die Zinsen bei einer harten Währung niedrig bleiben. Ökonomisch gesehen war es eine Riesen-Dummheit, die D-Mark aufzugeben und in den Euro einzuwilligen.

 

Ging es „nur“ um eine gemeinsame Währung damals?

Hankel: Bei der Einführung des Euro ging es eigentlich nie „nur“ um die Währung. Man wollte und will noch immer den „Superstaat EU“ – einen europäischen Bundesstaat. Obwohl wir Euro-Kritiker von Beginn an davor warnten, ist man diesen Weg gegangen. Unsere europäischen Freunde waren natürlich begeistert. Sie wollten schon immer das Joch der harten D-Mark abschütteln, denn diese zwang sie, zuhause von ihrer liebgewonnenen Inflationspolitik abzugehen.

 

Finanzminister Wolfgang Schäuble äußerte bereits mehrmals, dass die gegenwärtige Krise die große Chance für die Bildung eines gemeinsamen Staates sei und dass unsere Souveränität nicht so wichtig sei…

Hankel: Mein Gott, was hat Herr Schäuble nicht schon alles gesagt, versprochen und wieder gebrochen. Als „Kronzeuge“ hat er buchstäblich schon „alles“ gesagt und jede Meinung vertreten. Er scheint derselben Meinung wie der frühere Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker zu sein: Europa kommt mit jeder weiteren Krise weiter. Ich fürchte, beide Herren könnten sich täuschen, nämlich dann, wenn die Krise unbeherrschbar wird.

 

Deutschland profitiere vom Euro am meisten, behauptet die etablierte Politik immer wieder…

Hankel: Man sollte diesen Leuten eine Fahrkarte in die Schweiz schenken. Dort könnten sie am „Tatort“ studieren, wie unser Land dastünde, wenn es keinen Euro hätte. Früher standen beide Länder gleich. Heute steht die Schweiz in allem besser da als die Bundesrepublik Deutschland. Sie hat ein höheres Wirtschaftswachstum, eine stabilere Währung, weniger Arbeitslosigkeit und keine sozialen Spannungen. Das alles könnten wir auch haben, wenn wir die D-Mark behalten hätten.

 

Warum profitieren vor allem die heimische Export-Lobby und die überschuldeten Euro-Krisenländer von der Einheitswährung?

Hankel: Man muss sich den Euro als einen „Kuhhandel“ der Interessenten vorstellen. Reiche Länder mit einem einflussreichen Export- und Bankensektor einigten sich mit armen Ländern, die daran interessiert waren, rasch an billiges Geld zu kommen. In den schwachen Staaten gaukelte man den Wählern vor: Im Euro bezahlen die anderen unseren Lebensstandard. Nirgendwo ist die Differenz zwischen der eigenen Produktivität und den Lebensansprüchen größer als in den heutigen Krisenländern. Nur: Bislang konnten sie diese Differenz mit fremdem Geld, den Billigkrediten aus Europa, überbrücken. Doch jetzt droht diese Brücke einzustürzen.

 

„Ich schlage folgenden Weg vor: Wir behalten den Euro und führen trotzdem die nationalen Währungen ein.“

 

Viele Euro-Kritiker plädieren für die Abschaffung der Einheitswährung zugunsten einer Wiedereinführung einer nationalen Währung. Erstaunlicherweise erteilen Sie in Ihrem neuesten Buch Die Eurobombe wird entschärft (Wien, Universitas-Verlag) diesem Ausweg aus der Krise eine klare Absage. Stattdessen plädieren Sie für eine nationale Währung bei gleichzeitiger Beibehaltung des Euro.

Hankel: Nein: Ich plädiere für eine „europäische“ Lösung, keine nationale oder gar rein deutsche. Wir können den Euro gar nicht abschaffen oder von heute auf morgen in nationales Geld umtauschen. Es wäre die größte Währungs- und Finanz-Katastrophe, die Europa je erlebt hat. Wir haben einen riesigen Berg an Euro-Schulden und -Vermögen in Euro aufgebaut. Allein die Gesamtsumme aller Bankforderungen und -verpflichtungen beträgt 34 Billionen Euro. Das entspricht dem Dreieinhalbfachen der jährlichen realen Wirtschaftsleistung der Euro-Zone: ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Für diesen Block an Alt-Schulden sowie Euro-Vermögen muss eine tragbare Lösung gefunden werden. Sie besteht weder in einer unverantwortlichen „Währungsreform“, denn das wäre die Rückrechnung in nationale Währung, noch kann – und darf – man die neuen Währungen mit diesen Alt-Hypotheken belasten. Sie wären bereits bei ihrer Geburt ruiniert. Deswegen schlage ich einen Weg der praktischen Vernunft vor – einen Weg, der ganz Europa und seiner friedlichen Zukunft dient. Wir behalten den Euro und führen trotzdem die nationalen Währungen wieder ein.

 

Und wie soll das funktionieren?

Hankel: Die neuen Währungen stehen – anders als der Euro bisher – unter Konkurrenzdruck. Das zwingt alle Euro-Staaten, ihre Währungen stabil zu halten, denn sonst müssen sie gegenüber dem Euro abwerten. Vor allem aber: Bürger und Sparer hätten die Wahl, in welcher Währung sie sparen und ihre Zukunft sichern wollen. Die jeweils schlechtere Währung geben sie möglichst schnell für ihre Einkäufe im Supermarkt aus.

 

Die neue Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) vertritt ein Ausstiegsszenario mit der schnellen Abschaffung des Euro…

Hankel: Das habe ich mit einiger Verblüffung den Medien entnommen, auch die Behauptung, dass ich zu den Gründern dieser Bewegung gehöre. Gefragt oder eingeladen hat mich keiner. Natürlich begrüße ich die Initiative. Aber ich bin sehr besorgt, dass die Leute mehr falsch als richtig machen. Gute Absichten reichen in dieser schwierigen Materie nicht aus. Aber das kann sich ändern, wenn die AfD mein Buch zu ihrem Programm macht. Und nicht nur die AfD, auch die etablierten Europa-Politiker.

 

„Es gab seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie so viele Gehässigkeiten der Europäer untereinander.“

 

Man könnte sogar annehmen, in diesem Plan könnten die etablierten Politiker in Berlin eine „goldene Brücke“ erkennen, mit deren Hilfe sie sich unter Gesichtswahrung vom Euro-Projekt verabschieden könnten…

Hankel: Der Begriff „golden“ ist berechtigt! Denn bei dieser Konstruktion würde der Euro die Funktion des guten alten Goldes übernehmen, aber ohne dass dafür das gelbe Metall gebraucht wird. Der Euro als Metermaß, in dem alle Währungen ihren Wechselkurs ausdrücken, wäre ja selber so stabil wie das in Paris aufbewahrte Ur-Metermaß. Da alle europäischen Währungen im Verhältnis zum Euro abwerten können und gegebenenfalls sogar müssen, ist der Euro selber unabwertbar: stabil. Nach außen sogar stabiler als der US-Dollar, sein weltweiter Rivale. Intelligente Europa-Politiker müssten von meinem Vorschlag begeistert sein. Nicht nur wahren sie ihr Gesicht. Er bringt den Euro heraus aus der Krise. Und beschleunigt und verstärkt die europäische Integration: Der tiefe Graben in der EU zwischen Euro- und Nicht-Euro-Staaten wird zugeschüttet. Länder, die weder im Euro, noch in der EU sind, könnten der EU beitreten. Sie würden ihre nationale Währung behalten und müssten nur ihren Wechselkurs in Euro statt in US-Dollar ausdrücken, was sie kaum stören dürfte.

 

Wurden Sie von solchen intelligenten Politikern mit Interesse an Gesichtswahrung bereits angesprochen?

Hankel: Noch hält es sich in Grenzen. Aber es wäre der Lackmus-Test für ihre Intelligenz und ihr Eintreten für die Sache Europas. So ganz verstehe ich nicht, warum bislang niemand auf diese Idee gekommen ist.

 

Vielleicht, weil sie neu ist?

Hankel: (lacht) Nicht ganz so neu. Ende der 1970er Jahre gab es einen ähnlichen Vorschlag von britischer Seite. Premierministerin Margret Thatcher und ihr Schatzkanzler John Major schlugen schon damals ein duales Währungssystem für Europa vor. Man wollte den ECU („European Currency Unit“) neben den nationalen Währungen umlaufen lassen. Doch das damalige Europa-Establishment wischte den Vorschlag brüsk vom Tisch. Man steuerte auf „ein Geld für Europa“ zu und war nicht an Währungskonkurrenz interessiert.

 

Vor allem viele bürgerliche Euro-Kritiker erwecken den Eindruck, der Euro sei das zentrale Problem Europas. Wenn die Staaten zu ihren nationalen Währungen zurückkehrten, sei die Welt wieder in Ordnung. Ist das so – oder ist die Eurokrise nicht viel mehr nur eines der Symptome eines viel größeren Missstandes?

Hankel: Ich empfehle den Herrschaften den Besuch des Adam-Riese-Museums in Annaberg in Sachsen. Dieser deutsche Rechenmeister brachte damals den Leuten bei, wie sie die vielen in deutschen Landen zirkulierenden Gold-, Silber- und Kupfermünzen auf eine für sie sichere Weise umrechnen konnten – auch den Annaberger Bäckern, die daraufhin lernten, bei jeder Münzverschlechterung „kleinere Brötchen zu backen“.

Ich will damit sagen: Ein System mit mehreren Währungen funktioniert nicht nur; es schützt die Menschen vor Münzbetrug, Geldwertverschlechterung und Staatsberaubung durch Inflation. Es gibt dank der Währungskonkurrenz immer eine Alternative, in die man ausweichen kann. Die Menschen lernen sehr schnell, „schlechtes“ von „gutem“ Geld zu unterscheiden und sind nicht länger „alternativlos“ staatlicher Willkür unterworfen. Der Markt behandelt sie besser als der Staat! Der Euro – und das ist sein größter Defekt – ist nicht eingeführt worden, um die Bürger vor der Inflation zu schützen, sondern um einen Superstaat zu begründen. Doch dieser Staat und sein Vorgriff – die Einheitswährung – sichern eben nicht den Frieden in Europa. Im Gegenteil: Es gab seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie so viele Gehässigkeiten der europäischen Völker untereinander wie seit der Euro-Krise. Mit dem „Euro solo“ wird es diesen Frieden auch nie geben.

 

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